Kurzzeitig durchbrochenes Schweigen
Theodor Kramer, von den Nazis vertrieben und von der Zweiten Republik in Vergessenheit belassen, blieb mit seinen Werken bis Anfang der 1980-er Jahre im „Exil“. Um das – wenn auch kurzzeitige – Interesse an Kramers Schaffen unmittelbar nach Kriegsende machte sich der kommunistische Globus-Verlag mit der Veröffentlichung von zwei Gedichtbändchen verdient.

Manfred Mugrauer
Als der von den Hitlerfaschisten als politischer Gegner und Jude verfolgte Theodor Kramer im Juli 1939 nach England emigrierte, war er ein im deutschsprachigen Raum bekannter, von Thomas Mann als einer „der größten Dichter der jüngeren Generation“ gewürdigter Autor. 1928 hatte er den Lyrikpreis der Stadt Wien für den im Jahr darauf im Frankfurter Verlag Rütten & Loening erschienenen Gedichtband Die Gaunerzinke erhalten. Seit 1931 war Kramer – auch aufgrund einer schweren Krankheit – als freischaffender Schriftsteller tätig, der in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften, u.?a. der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung, Gedichte publizierte. 1933 gehörte Kramer zu den Gründungsmitgliedern der nach dem Februar 1934 zwangsaufgelösten Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. 1936 konnte zur Zeit des austrofaschistischen Regimes im Gsur-Verlag Ernst Karl Winters sein bislang umfangreichster Gedichtband Mit der Ziehharmonika erscheinen. 1939 wurde er mit „sämtlichen Schriften“ in der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ der Reichsschrifttumskammer angeführt.
Wie Jura Soyfer und Berthold Viertel blieb Theodor Kramer nach 1945 ein vergessener Emigrant, dessen weitgehende Nichtrezeption erst im Gefolge seines 25. Todestages 1983 endgültig überwunden werden konnte. Davon zeugte zunächst der von Konstantin Kaiser herausgegebene Sammelband Theodor Kramer 1897-1958. Dichter im Exil. 1984 wurde die Theodor Kramer Gesellschaft gegründet, die sich seither nicht nur um das Werk Kramers, sondern um die gesamte österreichische Widerstands- und Exilliteratur verdient gemacht hat. 1984, 1985 und 1987 erschienen die drei Bände Gesammelte Gedichte, herausgegeben von Kramers Nachlassverwalter Erwin Chvojka, die den Gedichten Theodor Kramers eine bisher ungekannte Verbreitung ermöglichten.
Es war der Globus-Verlag der KPÖ, der 1946 in zwei schmalen Bänden das Exil-Werk Kramers der literarischen Öffentlichkeit bekannt machte. In der Intellektuellenzeitschrift der KPÖ Österreichisches Tagebuch wurden aktuelle Gedichte Kramers publiziert. Die kurze Beachtung, die man Kramer 1946/47 schenkte, hatte nicht nur mit dem Erscheinen der beiden Gedichtbände Wien 1938 / Die grünen Kader und Die untere Schenke im Globus-Verlag zu tun, sondern „entspringt auch der Hoffnung, das antifaschistische Exil werde die kulturelle Neugestaltung Österreichs maßgeblich beeinflussen können. 1948 hatten sich die Fronten wieder verhärtet; das Interesse an Kramer erreichte einen Nullpunkt“. (Konstantin Kaiser)
Geplante Gesamtausgabe
Im englischen Exil nahm Kramer als Mitglied des Austrian Labour Club zwar Bedacht auf seinen Status als österreichischer Sozialist, kooperierte jedoch eng mit den maßgeblich kommunistisch beeinflussten Exilstrukturen, wie dem Austrian Centre, der Exilzeitung Zeitspiegel und dem Young Austria als Organisation der in Großbritannien lebenden jungen österreichischen AntifaschistInnen, was vor allem vor dem Hintergrund der zahlreichen Kontroversen zwischen den kommunistischen ExilantInnen und dem London Büro der österreichischen Sozialisten hervorgehoben werden muss. 1943 erschien seine von der österreichischen Sektion des PEN-Klubs in London herausgegebene Gedichtsammlung Verbannt aus Österreich, um die sich das Austrian Centre bemüht hatte.
Kramers Kontakte zu Kommunisten ermöglichten auch seine einzigen Publikationen in den unmittelbaren Nachkriegszeit. Anfang 1946 wurde im Exilverlag des kommunistischen Emigranten Willi Verkauf die für das Frühjahr geplante Auslieferung von Kramers Gedichtband Die untere Schenke angekündigt. Da Verkauf jedoch im März/April dieses Jahres von Jerusalem nach Wien zurückkehrte und seinen Verlag zunächst nicht weiterführte, sondern in den Globus-Verlag, vor allem zum Aufbau einer Buchhandlung, wechselte, gab er das Manuskript und auch die von ihm erworbenen Rechte am Zyklus Die grünen Kader, der im Sommer bzw. Spätherbst 1946 erscheinen hätte sollen, an den KPÖ-Verlag weiter. Eine Entscheidung, die Kramer erst durch eine Mitteilung im Österreichischen Tagebuch erfuhr.
Zeitgleich ermächtigte Verlagsleiter Alois Rottensteiner am 10. April 1946 den noch in London in der Zeitspiegel-Redaktion tätigen Leopold Spira, mit Kramer einen Generalvertrag abzuschließen und kündigte ihm die Absichten des Globus-Verlags an, mit einer Erstauflage von 25?000 Exemplaren zu starten, „dafür eine rege Werbung (zu) entfalten“ und „bei auf jeden Fall zu erwartendem günstigen Verkauf sofort […] weitere heraus(zu)bringen“. Im Mai schlossen Kramer und Spira einen Vertrag über Wien 1938 ab, die Erstauflage wurde wie geplant mit 25?000 Exemplaren festgesetzt, als Autorenhonorar 12-15 Prozent des Verkaufspreises vereinbart. Zugleich übergab Kramer das Manuskript von Die grünen Kader zur Weiterleitung nach Wien, im Juli übernahm der Globus-Verlag definitiv die Rechte für Die untere Schenke und Die grünen Kader von Willi Verkauf.
Kramer kündigte Verkauf in Briefen vom 19. und 20. Mai 1946 an, dass er eine Gesamtausgabe im Globus-Verlag, wenn auch nicht „im strengen Sinn des Worten, mit num[m]erierten Bänden“, anstrebe. Immerhin wollte er einen weiteren Gedichtband „nur einem Verleger überlassen, der sich bindend bereit erklärt, ‚mein‘ Verleger zu werden und bleiben“. Konkret dachte Kramer an eine Neuausgabe von Die Gaunerzinke und Mit der Ziehharmonika in einem Band, sobald er in der Lage sei, die Verlagsrechte zu übergeben, sowie an die Veröffentlichung neuer Gedichtbände im Jahresintervall. Den Band Lob der Verzweiflung habe er zudem bereits fertiggestellt. Insofern bedauerte Kramer die in einer Depesche vom 8. Juni 1946 ihm mitgeteilte Entscheidung, dass vorerst nur drei Bände im Globus-Verlag gedruckt werden können, „aufrichtig“ und kündigte an, die Rechte für Lob der Verzweiflung an einen anderen Verlag zu vergeben.
Verzwickt und verfahren
Nachdem Kramer parallel sowohl mit Spira, Verkauf und Rottensteiner bezüglich der Herausgabe seiner Gedichte im Globus-Verlag in Verbindung stand, kam es erst im Juni zu der von Kramer gewünschten Vereinheitlichung. Kramer korrespondierte nunmehr ausschließlich mit Hans Goldschmidt, der nach der Reorganisierung des Globus-Konzerns den Buchverlag leitete, über „diese etwas verzwickte Dinge“ und „ein wenig verfahrenen Angelegenheiten“.
Im Juli 1946 konfrontierte Goldschmidt Kramer mit der Absicht des Verlags, Wien 1938 und Die grünen Kader gemeinsam in einem Band zu veröffentlichen und in dieser Form auf den Weihnachtsmarkt zu bringen. Die untere Schenke sollte erst im Frühjahr 1947 nachfolgen. Kramer hatte zuvor in mehreren Briefen an Goldschmidt großen Wert darauf gelegt, dass der Verlag die zuvor mit Willy Verkauf vertraglich getroffene Vereinbarung, wonach Die untere Schenke in guter Ausstattung vor den beiden anderen Zyklen erscheinen sollte, „vollinhaltlich“ einhalten möge. Nachdem er nicht beabsichtigte, „in Oesterreich meine Visitenkarte mit zwei politischen Bänden abzugeben“, reagierte Kramer am 17. Juli „ehrlich entsetzt“ über die Pläne des Globus-Verlags, sie kämen „allen anderen Abmachungen, die ich bereits getroffen habe, ganz in die Quere“. Den Vorschlag Goldschmidts, den geplanten Band mit einem Vorwort erscheinen zu lassen – konkret nannte er den kommunistischen Stadtrat Viktor Matejka –, lehnte Kramer ab, „da niemand, der in Frage kommt, mein Schaffen seit März 1938 kennt“. Ebenso bat Kramer darum, von einem „sensationellem“ Umschlag abzusehen, da ein solcher „gar nicht zu dem sehr verhaltenen Ton insbesonders der ersten Teile von ‚Wien 1938‘ passen“ würde. Schließlich erteilte Kramer seine Zustimmung zum gemeinsamen Erscheinen von Wien 1938 und Die grünen Kader, ansonsten hätte die Herausgabe von Die Grünen Kader auf unbestimmte Zeit zurückgestellt werden müssen.
„Wahrhaftige Lyrik“
Die beiden Bändchen – Wien 1938 / Die grünen Kader und Die untere Schenke – kamen zeitgleich im 12. Dezember 1946 kartoniert in einer Auflage von 15?000 bzw. 10?700 Stück heraus. Die zunächst geplanten 25?000 Exemplare für Wien 1938 erschienen Goldschmidt „astronomisch“, er habe überhaupt nur an eine Auflage von 3?000-5?000 gedacht.
Der Zyklus Wien 1938 fasst Gedichte zusammen, die in Wien in den Monaten März bis August 1938, also unter dem direkten Eindruck des Einmarsches der Nazis in Österreich, geschrieben worden sind, ferner einige rückblickende, 1942/43 in England verfasste Gedichte. Der zweite Abschnitt des Bandes, Die grünen Kader – entstanden in England von 1943 bis 1945 –, widmet sich der Widerstandsbewegung ländlicher Freischärler und dem Partisanenkampf in den von den Nazis unterdrückten Ländern. Die untere Schenke, von Hugo Huppert im Österreichischen Tagebuch wie von Kramer selbst als ein „Hauptwerk“, das „meine besondere Verbundenheit mit der Heimat“ beweise, bezeichnet, entstand ebenso zwischen 1943 und 1945. Kramers Dorf- und Stadtrandgedichte behandeln die Welt der Entrechteten, das Leben der Landarbeiter, Keuschler, Tagelöhner, Ziegelbrenner und Bahnwärter Niederösterreichs und des Burgenlands. Der Autor „gibt eine scharfe, realistische Schau der Welt, die voll ist mit Arbeit, Not, Wein, Schnaps und Krankheit“, wie das theoretische Zeitschrift der KPÖ Weg und Ziel in einer kurzen Besprechung feststellte. Franz Glück würdigte in der Wiener Zeitung am 29. Dezember 1946 die beiden Bände als „die kräftigste und wahrhafteste Lyrik, die uns seit dem Ende der Okkupationszeit zuteil geworden ist“, Ernst Fischer schätzte Kramer als Dichter des „plebejischen Österreich“.
Schleppender Absatz
Zwar erhielt Kramer seine umfangreiche Korrespondenz mit dem Globus-Verlag auch in den beiden Folgejahren aufrecht, wobei die Vertriebsmöglichkeiten seiner Bücher, Honorarangelegenheiten, die Übermittlung von Rezensionen und von Exemplaren an SchriftstellerkollegInnen usw. im Mittelpunkt standen. Dennoch kam es nicht zur Herausgabe eines weiteren Gedichtbandes im Verlag der KPÖ, was vor allem mit der schwierigen Situation auf dem Buchmarkt zu tun hatte. Diese sei „seit Monaten trostlos, insbesonders mit Lyrikbändchen“, schrieb Rottensteiner Mitte 1948 an Kramer. Der Verlag musste Kramer den schleppenden Absatz seiner beiden Bände mitteilen, bis Ende April 1947 konnten erst 1?111 bzw. 1?786 Exemplare verkauft werden. Der Absatz im ersten Halbjahr 1948 war so gering, dass überhaupt von einer Abrechnung abgesehen werden musste. Anfang März 1949 wurde Kramer darüber informiert, dass 1948 keine Exemplare vom Lager abgegangen waren, 1949 wurden mehr Exemplare remittiert als verkauft. 1953 konnte mit Kramer Einvernehmen darüber erzielt werden, dass je 500 Exemplare an das Antiquariat Deuticke zum Preis von 50 Groschen je Band geliefert werden sollen. Der Rest der Auflage wurde ohne weiteren Honoraranspruch verramscht.
Umso mehr war es dem Globus-Verlag entgegengekommen, dass der Berliner Dietz-Verlag 1947 keine Lizenz erwarb, sondern gleich 10?000 Planobogen von Wien 1938 / Die grünen Kader zum Aufbinden übernahm. Der Verlag wurde zwar beliefert, dennoch dürfte die Dietz-Ausgabe letztlich nicht zustande gekommen sein. Obwohl 1949 mit dem Berliner Verlag Rütten & Loening ein Vertrag über die Vergabe einer Lizenz für die Herausgabe von Die untere Schenke in allen vier Zonen Deutschlands abgeschlossen wurde, dürfte auch diese Ausgabe nicht erschienen sein.
Späte Heimkehr
„Wie schön wäre es, wenn Sie nach Österreich heimkehren könnten. Ich will mich persönlich sehr darum bemühen und würde mich freuen, wenn Sie mir so rasch als möglich Ihren Wunsch, nach Wien zu kommen und hier an einem entsprechenden Posten am Kulturaufbau Österreichs mitwirken zu können, bestätigen würden“, schrieb der Globus-Generaldirektor Heinrich Nagler Mitte 1946 an Kramer. Auch Viktor Matejka, mit dem Kramer seit August 1945 korrespondierte, bemühte sich um die Rückkehr des Dichters und bot ihm eine Stelle in der Wiener Stadtbibliothek an. Kramer kam zu Ohren, er solle „Hauptlektor im Rathaus“ werden. Dennoch ließen sich die von Kramer zunächst geäußerten Rückkehrabsichten nicht verwirklichen und wurden sodann aufgegeben. Kramer blieb im Exil, von Krankheiten heimgesucht, geplagt von Depressionen. „Mein allgemeiner Gesundheitszustand lässt sehr viel zu wünschen übrig. Einsamkeit und Isolierung tragen natürlich dazu bei“, schrieb er Ende 1946 an Goldschmidt. Laut Erwin Chvojka fürchtete „der unausgesetzt kränkelnde, sonderlinghaft zurückgezogen lebende Mann […] die Ungewißheit eines neuen Beginnens im viergeteilten Lande, und ein an ihm immer wieder zu bemerkender Beharrungsdrang ließ ihn manche damals gebotene Möglichkeit ängstlich versäumen“.
Erst im September 1957 kehrte Kramer auf Initiative von Freunden aus dem Exil zurück, sieben Monate später starb er an den Folgen eines Schlaganfalls. Als Kramer am 14. April 1958 in Wien begraben wurde, folgten kaum mehr als 30 Trauergäste seinem Sarg. Zurück blieb ein ungeordnetes Werk von ungeheurem Ausmaß, etwa 12?000 Gedichte, von denen zunächst ca. 650 in Buchform und weitere 450 in Zeitungen und Anthologien veröffentlicht worden sind. 1956 gab Michael Guttenbrunner den Auswahlband Vom schwarzen Wein im Salzburger Otto Müller Verlag heraus, 1972 erschien Lob der Verzweiflung, dessen Anordnung bereits 1946 vorgelegen war. 2?035 Gedichte Theodor Kramers sind in der von Erwin Chvojka besorgten dreibändigen Ausgabe nachzulesen.
Manfred Mugrauer studiert Politikwissenschaft an der Uni Wien.
Quellen und Literatur:
Archiv des Globus-Verlags (Alfred Klahr
Gesellschaft)
Chvojka, Erwin (Hg.): Theodor Kramer. Gesammelte Gedichte, 3 Bde. Wien, München,
Zürich: Europaverlag 1984, 1985, 1987
Kramer, Theodor: Wien 1938 / Die grünen Kader. Gedichte. Wien: Globus-Verlag 1946
Kramer, Theodor: Die untere Schenke. Gedichte. Wien: Globus-Verlag 1946
Unitat 4/03 | Religion, Christentum und die Linke
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