Wider das Imperium
Ist „Antiamerikanismus“ nur pervertierte Gesellschaftskritik der dummen Kerls oder stecken reale Gründe hinter einer Ablehnung der US-amerikanischen Politik? Werner Pirker und Wilhelm Langthaler fanden immerhin zwölf solcher Gründe, und gute noch dazu.

Simon Loidl
In Zeiten, da religiöse Fundamentalisten in vielen Teilen der Welt sich dem Kampf gegen die USA verschrieben haben, ist die Versuchung groß, sich angesichts ideologischer Unappetitlichkeiten, mit welchen dieser Kampf immer häufiger Hand in Hand geht, einfach auf die andere Seite zu schlagen und im Sinne der Ideale der Aufklärung sich gegen den religiösen Irrsinn zu wenden. Ein kleiner, aber großsprecherischer Teil der bundesdeutschen und österreichischen Linken (viel weiter scheint dieses Phänomen tatsächlich nicht verbreitet zu sein) wählte diesen Weg und schritt damit mitten hinein in Imperialismusapologetik und Militarismus.
Schwieriger scheint es schon, die Ursachen dafür zu ergründen, warum sich der Protest gegen die „new world order“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts fast ausschließlich in reaktionärem Gewande zu artikulieren versteht. Dies bleiben auch Langthaler/Pirker schuldig, was bei der Lektüre der ersten Kapitel des Buches, in welchen ein Blick ins Innere der USA vorgenommen wird, noch nicht weiter stört. Die Ausführungen über die Alltagsgewalt in der US-amerikanischen Gesellschaft, über den „gefängnisindustriellen Komplex“ sowie die Analyse der seit 9/11 systematisch ausgehebelten Bürgerrechte stellen somit auch den informativsten Teil des Bandes dar. Ebenso jene über die Rolle der USA bei der Abwicklung der Sowjetunion und der Zerschlagung Jugoslawiens.
Die grundlegende Einschätzung des US-Imperialismus im vorliegenden Buch ist von einer gewissen Theorielosigkeit geprägt, was sicher auch der populären Darstellungsform des Buches geschuldet ist. Ein Teilaspekt des Phänomens „Imperialismus“ – Krieg und Militarisierung – wird in den Vordergrund gestellt, ökonomische Aspekte bleiben nahezu unberücksichtigt. Dies führt letztlich auch zur Unterschätzung des – sich auch militärisch formierenden – EU-Imperialismus durch die Autoren; die Auflistung von auch in den EU-Hauptländern zahlreich vorhandenen Einrichtungen der US Army ist noch kein Beweis der Nichtexistenz eines europäischen Militarismus.
Ein weiteres Manko des Buches – und hierbei sei auf die eingangs erwähnten Kapitel zur Innenlage der USA zurückgekommen – liegt m.?E. in der völligen Ausblendung eines inner-US-amerikanischen Widerstandes. Gerade die im Zuge des Irak-Krieges wiedererstandene Friedensbewegung, aber auch andere linke Aktivitäten, die Bürgerrechtsbewegung hätten eine Erwähnung verdient, um dem sich aufdrängenden Bild eines metropolisartigen Molochs gegenzusteuern.
Alles in allem und trotz einiger Schwächen ein durchaus lesenswertes Buch, welches kompakt und anschaulich verdeutlicht, warum es reale Ursachen für den weitverbreiteten spontanen Antiamerikanismus gibt. Bezüglich letzteren sehen die Autoren eine Chance für die Friedensbewegung, welche „nicht wirklich erkannt hat, dass sie noch nie so nah zum Massenbewusstsein vorgestoßen ist wie in der Zeit vor dem Irak-Krieg“. (142) Diese Chance, so die Autoren abschließend, gelte es für die bewussten Gegner der imperialistischen Kriegspolitik der USA zu nutzen: „Damit die ‚Zerstörung der Vernunft‘ als Widerspiegelung der entfesselten Destruktivkräfte des Weltmarkts nicht in einer finalen Katastrophe endet.“ (143)
Wilhelm Langthaler, Werner Pirker: Ami go home. Zwölf gute Gründe für einen Antiamerikanismus. Wien: Promedia Verlag 2003. 159 S.
Unitat 4/03 | Religion, Christentum und die Linke
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