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Me-Ti sagt: Mi-en-leh war Philosoph!

War Lenin Philosoph? War Lenins politische Praxis gestützt auf ein philosophisches Fundament? Heute – in Zeiten postmoderner Hegemonie im philosophischen Diskurs – stellt diese Frage kaum noch jemand; zu klar scheint die Antwort: Lenin? Philosoph? Dieser Prolet? Degoutant! Lassen wir aber die Vormeinungen ­beiseite und nehmen wir das Werk Lenins in den Blick, so wird schnell klar: Nicht ein, zwei Bemerkungen, Lenins gesamtes Oeuvre ist zutiefst philosophisch. Eine Bemerkung zu Lenins 80. Todestag.

Thomas Eipeldauer

Also, die Frage erneut gestellt: War Lenin Philosoph? Lassen wir jemanden antworten, der – obzwar als Dichter, Prosaschriftsteller und Dramatiker hochgeschätzt – als Philosoph ebenso allzu lang verkannt worden war: Bert Brecht. Brecht lässt seinen Me-Ti im „Buch der Wendungen“ sagen: „Von Mi-en-leh sagen viele, er sei ein großer Praktiker gewesen, Le-peh aber ein großer Philosoph. Me-0ti sagte: Le-pehs Praxis bewies, daß er kein großer Philosoph war, Mi-en-lehs Praxis bewies, daß er ein großer Philosoph war. Mi-en-leh war in der Philosophie praktisch und in der Praxis philosophisch.“ Brecht trifft hier präzise das dialektische Verhältnis von Theorie und Praxis bei Lenin. Für Lenin ist philosophische Theorie kein rein kontemplatives „Anschauen“, die nur für sich selbst da ist. Philosophie muss ihren praktischen Ausdruck in der Aktion der revolutionären Bewegung finden und sich aus den Erfahrungen dieser Bewegung nähren.
Wer aber meint aus diesem Verständnis von Theorie und Praxis bei Lenin herauszulesen, dass dieser die „eigentlich“ philosophischen Fragestellungen, die ontologische Frage nach dem Sein des Seienden oder die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit unserer Erkenntnis quasi-positivistisch ausblende oder zu „Scheinfragen“ erkläre, der irrt. Hans Heinz Holz formuliert das in seiner dreibändigen Problemgeschichte der Dialektik folgendermaßen: „Das heißt, er erweiterte den Marxismus („in Strenger Weiterführung der philosophischen, geschichtstheoretischen und ökonomischen Lehren von Marx und Engels“ – wie Holz bemerkt. Red.) um das Feld, das man ‚Philosophie der Politik‘ nennen könnte und verknüpfte und vertiefte die politische Theorie durch eine allgemeine philosophische Grundlegung in Erkenntnistheorie und dialektischer Ontologie.“ Der Kern der Lenin­­’schen Ontologie und Erkenntnistheorie ist das – berühmt-berüchtigte –, weil allzu oft missverstandene „Widerspiegelungstheorem“. Lenin selbst hat dieses Theorem nicht fertig ausgearbeitet und ausformuliert; es liegen uns nur – unter anderem im „Konspekt“ oder seiner Empiriokritizismuskritik-Bemerkungen, Hinweise und Ansätze vor, wenn auch recht weitgehende und in durchaus systematischer Absicht. Lenin bezeichnet die „Widerspiegelung“ als eine Eigenschaft, die der gesamten Materie eigentümlich und mit der Empfindung verwandt ist. Im Konspekt weist er darauf hin, das alles als mit allem verbunden gedacht werden muss. Denken kann so als eine besondere Reflexionsbeziehung in einem allgemeinen, universalen, reziproken Wechselwirkungsverhältnis begriffen werden. Diese Bemerkungen haben Hans Heinz Holz – vor allem in seiner Schrift Dialektik und Widerspiegelung, aber auch in zahlreichen anderen Arbeiten, dazu veranlasst die Rede von der „Widerspiegelung“ als exakte Metapher für die Strukturisomerien von Sein und Denken „a la rigeur metaphysique“ auszudeuten und mit Leibnizens Monadologie (die Monade als „mirroir vivant“, lebender Spiegel), Hegels dialektischem System, und Marxens Theorie der „materiellen Verhältnisse“ zusammenzudenken. Holz entwickelt so – Lenins Bemerkungen aufgreifend und weiterführend- das Widerspiegelungstheorem als ontologischen Kern der materialistischen Dialektik.
Neben diesem „Kern“ des Leninschen Philosophierens wären noch andere Momente heute für eine revolutionäre und kämpferische Orientierung fruchtbar zu machen. Vor allem Lenins Theorie der Rolle des „subjektiven Faktors“, die – das sei nur nebenbei erwähnt – nur, wenn man sie vollkommen missversteht, als „voluntaristisch“ ausgelegt werden kann.
Im Rahmen der Theorie des „subjektiven Faktors“, also des politischen, revolutionären Subjekts, gibt Lenin eine auf Hegel und Marx aufbauende Bestimmung des dialektischen Verhältnisses von Notwendigkeit und Freiheit. Es sei also all jenen, die die Frage nach Lenins Philosophie als „veraltet“ abtun ein weiteres Brecht Zitat ins Stammbuch geschrieben: „Zu Me-ti sagte ein Schüler: Was du lehrst, ist nicht neu. Dasselbe haben Ka-meh und Mi-en-leh gelehrt und unzählige außer ihnen. Me-ti antwortete: Ich lehre es, weil es alt ist, d.?h. weil es vergessen und nur für vergangene Zeiten gültig betrachtet werden könnte. Gibt es nicht ungeheuer viele, für die es ganz neu ist?“ Fazit: Für eine heutige antiimperialistische Orientierung ist die Beschäftigung mit Lenins Philosophie – auch mit den „trockenen“ Themenbereichen – notwendig, denn nur sie bildet die Grundlage, das Fundament eines richtigen Verständnisses von geschichtlicher Freiheit und revolutionärem Kampf.



Thomas Eipeldauer studiert Philosophie an der Uni Wien und ist Aktivist des KSV Wien.



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