Wladimir Iljitsch I. oder: Ein Beispiel für die Umsetzung universitärer Lei(gh)tbilder
„Ethische Prinzipien: … Die Universität Wien verpflichtet sich ihre Studierenden zu mündigen, kritikfähigen … Menschen zu bilden, … andere Meinungen und Positionen zu respektieren …; Grundsätze, Ziele und Strategien: Aufgabe und Ziel der Universität Wien sind Forschung und Lehre von hoher und höchster Qualität. … Forschungsgeleitete Lehre soll das wissenschaftliche Interesse der Studierenden fördern, … vor der bloßen Reproduktion scheinbar gesicherten Wissens schützen und die Vermittlungsleistung der Lehrenden herausfordern.“ (vgl. Homepage der Uni Wien, dort: „Leitbilder, beschlossen vom Senat am 2.?12.?1999“)

Ulrike Rathmanner
Wie jede durchschnittliche Ostdeutsche kann ich auch heute noch sämtliche postmortalen Veröffentlichungen Lenins im Schlaf herunterrasseln, weiß allen 750?000 Parteitagen der KPR(b) bzw. KPdSU die Jahreszahlen zuzuordnen und kenne die Namen der IntimpartnerInnen von Leonid Breschnjew auswendig. Trotzdem, so dachte ich mir, kann es nicht schaden, sich mal an der Uni über ein weniger harmloses Kapitel der sowjetischen Geschichte zu informieren – den Stalinismus.
Gesagt, getan: In der ersten Stunde der von mir auserkorenen Vorlesung zeigte der auf Anhieb äußerst sympathische Lehrveranstaltungsleiter uns gar lustige Bildchen vom „Woschd“: Stalin neben Lenin (zunächst seitenverkehrt, da der Veranstaltungsleiter mit den Tücken des Overhead-Projektors zu kämpfen hatte), Stalin nett lächelnd in seinem Arbeitszimmer, Stalin mit Pockennarben, Stalin nach Clearasil-Behandlung usw. „Ist ja total krass! Clearasil …“, dachte ich mir und begann zu träumen: „Wie viele DDR-Kiddies hatten aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung unter Pickeln zu leiden. Benzacne (billiges Ostprodukt, U.?R.) predigen und Clearasil trinken! Wenn sie uns so was in der DDR gezeigt hätten, hätten wir viel eher revoltiert.“ Doch damit nicht genug – in den nächsten Vorlesungsstunden erfuhr ich einiges über das per se blutige, terroristische und totalitäre Regime der Bolschewiki während und in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution. Diese brachen sogar einen Bürgerkrieg vom Zaun und brachten aus Gründen des politischen Kalküls in den Jahren 1918-21 Hungersnöte über die russländische Bevölkerung! Es zeigte sich, dass unser „Prof“ großes Vertrauen in die Vorbildung seiner HörerInnen setzte, hielt er es doch nicht für angebracht, den in einem Referat gefallenen Begriff „totalitär“ nochmal zu hinterfragen – abseits vom Meinungsstreit irgendwelcher erbsenzählender HistorikerInnen und PolitikwissenschafterInnen wissen wir tatsächlich alle ganz genau, was das bedeutet.
Unter anderem erfuhr ich, dass „die zaristische Gesetzgebung spontanen und sporadischen Charakter“ trug. Scheinbar dachten sowohl der „Prof“, der diesen Fremdbeitrag zu recht außerordentlich lobte, als auch ich dabei sofort an die nachrevolutionäre Stolypinsche Agrarreform von 1906. Man muss sich nur mal in die Langeweile der damaligen Zeit hinein versetzen: Stolypin kloppt, im Unterhemd auf der Veranda seiner Datscha sitzend und seine tägliche Wodkaration vertilgend, mit Rasputin Karten. Rasputin, in dessen Bart es sich gerade ein Paar seltene südjapanische Wildesel gemütlich machen, sagt: „Du, Pjotr Arkadjewitsch, woll’n wa nich ma was anderes machen, so mehr Bewegungsfreiheit für Bauern und so – immer nur die Scheiß-Obschtschina (hier: tradition. russ. Dorfgemeinschaft, U.?R.), das nervt doch auf Dauer total!“ – Stolypin, der gerade am Verlieren ist und bislang vergeblich versucht hat, Rasputin seine gezinkten Karten unterzujubeln, geht darauf, als geschickt getarntes Ablenkungsmanöver, ein: „Ja, Grigorij Jefimowitsch, voll gute Idee, du, und vor allem so spontan! Nennen wir es doch ‚Agrarreform‘ – das rockt. Hah, 21, zieh blank, Junge!“ (Es ist historisch leider nicht überliefert, wer die Partie gewonnen hat, wahrscheinlich jedoch Stolypin, da er die Agrarreform noch im selben Jahr in die Tat umsetzte.)
Bis zu dieser Vorlesung war mir auch nicht bekannt, aus welchen Gründen Lenins Nachfolge so lange unklar war: Er hatte keine Kinder!!! Mensch, darauf hätte ich nun wirklich auch selbst kommen können! Dieser interessante Beitrag über die monarchistische UdSSR wurde vom Lehrveranstaltungsleiter, der seine multiplen Kenntnisse über die Königshäuser der Welt sicher aus dem Soziologiefachblatt „Bunte“ bezieht (dieses berichtete gerade kürzlich über Steffie v. Monacos Hochzeit mit dem Nasenbärtrainer eines französischen Circus’), mit einem wohlwollenden Nicken bedacht.
Aufschlussreich ebenso die Schilderung der Zustände in U-Haft-Gefängnissen der heutigen Russländischen Föderation durch den letzt Genannten. Furchtbar! Bei uns hingegen wird in der U-Haft sogar besondere Rücksicht auf BürgerInnen afrikanischer Herkunft genommen, deren Trinkwasserbedarf anhand peinlich genauer und keine Kosten scheuender Studien des österreichischen Innenministeriums, korrelierend zu den klimatischen Bedingungen in heimatlichen Gefilden, ermittelt wird (hoffentlich lernen die Afrikaner in dieser Hinsicht nicht zuviel von uns g’scheiten Abendländern – sieben Liter „Obi g’spritzt“ am Tag verkraften meine Nieren nicht).
Die vorweihnachtlich-harmonisch-konsensuale Stimmung der Veranstaltung war für mich allerdings gestorben, als der von mir ob seiner überragenden fachlichen Kompetenz bis dahin hoch geschätzte Leiter einen ARD-Film (deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt) zeigte, in dem die Nachkommen von dem Stalinismus zum Opfer gefallenen Altbolschewiki ihre Erinnerungen an jene dunkle Epoche zum Besten gaben. Der Film riss längst verheilt geglaubte Wunden in mir auf, hatte ich doch anno dazumal einen Rechtsstreit gegen die Geldeintreiber von ARD und ZDF, die „GEZ“ (das deutsche Pendant zur österreichischen „GIS“) verloren. Überdies zeigte sich ein Kommilitone bei diesem Anlass erbost über das Niveau der Lehrveranstaltung, worauf er vom „Prof“ mit dem Titel „Mimose“ ausgezeichnet wurde. Hat er ja auch recht, nicht wahr, aber was kann denn die Pflanze dafür? Also, wo unschuldige Pflanzen, Tiere oder Kinder beleidigt werden, hört bei mir der Spaß auf! Meine schwachen Studentenhändchen griffen also zur Tastatur und verfassten ein Beschwerdemail an mein einstiges intellektuell-wissenschaftliches Idol. Volle vier Tage musste ich ausharren, bis ich endlich Antwort bekam: „… Tendenz zur Weißwaschung von Massenverbrechen ersichtlich, … Termin mit Institutsvorstand …“
„Na, wenn’s weiter nichts ist!“, dachte ich mir. Damals, in der realsozialistischen autalitären (Wortkreation von Eckhard Jesse) DDR wollte die Schulleitung noch meine Delegierung zur Sprachschule rückgängig machen, weil ich mich „in der politischen Auseinandersetzung in unsachlicher Art und Weise geäußert“ hatte (ich hatte während des morgendlichen „politischen Unterrichtsgesprächs“ im Fach „Staatsbürgerkunde“ laut über die Behauptung einer Mitschülerin gelacht, dass die DDR der einzige Staat der Welt ohne Auslandsschulden sei – weiß doch jeder, dass das Rumänien war – und dies schon aufgrund der von Franz Josef Strauss vermittelten BRD-Kredite in Abrede gestellt).
Da kann ich nur von Glück reden, dass wir an der Uni Wien unsere Leitbilder haben, die den kritischen Studierenden vor derartigen Repressionen schützen. Prost!
Ulrike Rathmanner studiert Politikwissenschaft und Russisch an der Uni Wien.
Unitat 4/03 | Religion, Christentum und die Linke
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