Allgemeiner Notstand
Ich geb’s zu, bis vor kurzem wähnte ich mich als einzig im Notstand befindlichen Menschen in dieser Republik – vier Jobs, budgetbedingter Nikotinentzug und Eltern, die mich seit dem vierten Semester fragen, wann denn mein Studium endlich beendet sei, schließlich gehen sich um 300 Euro an monatlicher Kindsubventionierung schon einige „Rostocker Pils“ aus. Doch kurz nach der Rückkehr aus meiner Sommerresidenz auf Ibiza las ich in der Zeitung von „Pflegenotstand“, „Bildungsnotstand“ und sogar „Kindernotstand“! Letzterer Ball wurde von BM Elisabeth Gehrer ins Rollen gebracht.

Ulrike Rathmanner
„Gib Gummi!“ – So manchem/r FPÖVP-Anhänger/in könnte in Zukunft dieses, meist auf der Heckscheibe des geliebten Automobils angebrachte Pickerl negativ ausgelegt werden, seit unsere allseits versierte Bildungsministerin sowohl die von ihr ehemals unterrichtete Handarbeit als auch andere nachwuchshinderliche Tätigkeiten öffentlich ablehnt. Frau Gehrer hat ihren Euripides wahrlich studiert, der bereits vor einigen hundert Jährchen die Frau als „oikurema“, als Ding zur Hausbesorgung, dessen Aufgabe das Gebären von Kindern ist, bezeichnet hat. Unterstützung erfuhr sie durch den Bundesobmann des Rings Freiheitlicher Jugend (RFJ), Johann Gudenus, der den recht(s) kreativenVorschlag machte, Verhütungsmittel höher zu besteuern, um Kinderreichtum zu schaffen. Mittlerweile wurde dem mutmaßlichen Vertreter für Windeln Gudenus aus den eigenen Reihen die Bettdecke ins Gesicht geschlagen – selbst RFJ’ler wollen anscheinend die „Pfui-Gack-Sache“ ab und an betreiben, ohne sich neun Monate später mit den Folgen der schwarz-blauen Frauen- und Sozialpolitik herumschlagen zu müssen. Ich habe aus dieser Wertedebatte jedenfalls die Schlüsse gezogen und mich dafür entschieden, nun dem coitus cum resultato zu frönen, um dem Notstand ganz aktiv entgegenzutreten. Der Vater sollte weißer, gut situierter Akademiker sein. Mittels Fruchtwasseruntersuchung wäre vor der Geburt allerdings abzuklären, ob das Kind auch keine gesundheitlichen Defekte in sich trägt, z.B. eine Klebstoffallergie, oder gar ein Mädchen ist. Dann hätte es die besten Chancen, nicht bei einem Polizeieinsatz aus Versehen zu Tode geschützt zu werden oder dank der progressiven Frauenpolitik einen unterbezahlten Job als Verkäuferin (demnächst auch an Wochenenden von 0.00 bis 24.00 Uhr) auszuüben; ja Franz-Josef (so soll er heißen) würde sogar mit ziemlicher Sicherheit die Matura machen – immerhin stammen nur 5 Prozent der MaturantInnen in Österreich laut OECD-Studie aus Elterhäusern ohne Matura. Die Vermittlung der essentiellen Werte unseres Systems traue ich mir auch ohne Eltern-Workshop zu: „Schnauze halten, schnell studieren, vieeeel hackeln und möglichst gleich bei Pensionsantritt den Löffel abgeben!“ Aber vielleicht bin ich doch einfach nur depressiv und sollte mal zum Arzt gehen … solange ich mir das noch leisten kann.
Ulrike Rathmanner studiert Russisch und Politikwissenschaft an der Uni Wien.
Unitat 3/03 | Verkauft und ausgehungert - Unis und Studierende im Zeitalter von GATS
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